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Regine

Ein Brief an meine Tochter

24.05.1996  

Meine süße kleine Regine, meine über alles geliebte Tochter,

heute vor vier Wochen habe ich Dich zur Welt gebracht. Es waren die schwersten Stunden meines Lebens. Denn die sechsstündige Geburt hatte den Sinn, uns beide für immer zu trennen. Wie gern hätte ich Dich behalten, und wie gern würde ich immer noch jederzeit mein Leben für Deines geben. Doch das geht leider nicht. Der liebe Gott, bei dem Du nun schon seit über vier Wochen bist, hat sich entschieden, mich auf der Erde bei Deinem Bruder zu lassen. Dein Bruder ist noch so klein, so hilflos und so allein ohne mich. Ich könnte ihn gar nicht verlassen, und Du hast es da oben sicher gut. Du weißt ja, daß ich bei Dir bin in meinen Gedanken. Seit ich weiß, daß Du nicht mehr lebst, ist noch keine Sekunde meines Lebens vergangen, in der ich nicht an Dich dachte. So viele Tränen habe ich um Deinen Tod geweint, daß sie eine ganze Badewanne füllen würden. Wenn ich darüber nachdenke, was man uns zugemutet hat, als Du noch in mir warst, kann ich verstehen, daß Du Dich gegen das Leben entschieden hast. Ich respektiere das. Doch ich bin so verzweifelt, weil wir beide nie eine Chance hatten, als Mutter und Tochter zusammen auf der Welt zu leben. Wie gern hätte ich Dich im Arm gehalten, gestillt, gebadet, mit Dir gelacht, mit Dir geweint, mit Dir gesungen und auch manchmal mit Dir geschimpft. Ich hätte Deinen Schlaf bewacht, ich wäre bei Dir gewesen, wenn Du nachts weinend aufgewacht wärst. Ich hätte Dich getröstet, wenn Du hingefallen wärst, ich hätte Dich mit einem dicken Eis belohnt, wenn Du beim Doktor geimpft worden wärst. Ich hätte mit Dir gespielt, gemalt, Dir Puppen und Bücher gekauft, wir hätten Weihnachten, Ostern, Deinen Geburtstag gefeiert, und wir wären eine kleine glückliche Familie gewesen, Du, Dein Bruder und ich. Ich hatte mir das alles schon ausgemalt, und ich war so zuversichtlich gewesen, daß wir Drei auch ohne Vater glücklich und zufrieden sein werden. Nun sitze ich hier zusammen mit Deinem kleinen Bruder, der noch gar nicht versteht, warum ich so oft weine. Ich nehme ihn in die Arme und erkläre ihm, daß seine Mami so traurig ist, weil Du tot bist. Er hatte so oft meinen Bauch gestreichelt, als Du noch in mir warst und dann gesagt "Baby drin". Wie schade, daß ihr beide euch nie kennenlernen werdet. Er wäre Dir ein guter Bruder gewesen, da bin ich sicher, er hätte Dich zwar manchmal geärgert und über Dich geschimpft, aber er hätte Dich immer beschützt. Und heute wird mir das Herz so schwer, wenn ich sehe, wie sich Dein Bruder liebevoll um die Babys meiner Freundinnen kümmert, und den Beschützer, den Älteren spielt. Er hätte Dich umsorgt, Du hättest zwar keinen Vater gehabt, aber einen großen Bruder. Ich verspreche Dir, daß ich Deinem Bruder sehr viel von Dir erzählen werde, wenn er ein bißchen älter ist und es versteht. Ich werde ihm dann Deinen Platz in meinem Blumenfenster zeigen, wo die Blumen stehen, die ich für Dich gepflanzt habe, und wo der Umschlag mit Deinem Foto liegt. Dein Bruder darf dann auch eine Blume für Dich dorthin stellen, er wird mit mir an Deinem Geburtstag an Dich denken und Dir sagen, daß er Dich auch sehr liebgehabt hätte und Dich nie vergessen wird. Du gehörst zu uns, was auch geschieht, wir sind Deine Familie und irgendwann werden wir alle Drei wieder zusammensein.  

Meine kleine Regine, ich liebe Dich genauso sehr wie Deinen Bruder. Auch wenn Du nur so kurze Zeit in mir warst, und ich Dich nur einmal berühren konnte, so wird uns nichts trennen können. Als Du gestorben bist, ist etwas von mir mit Dir gegangen, dahin, wo Du jetzt bist. Ein großer Teil von mir ist bei Dir, nämlich meine Mutterliebe. Die hast Du mitgenommen, und sie wird immer bei Dir sein, damit Du nie allein bist. Es ist schrecklich schwer für mich, hier auf Erden ohne Dich weiterzuleben, und ich kann mir noch gar nicht vorstellen, daß ich irgendwann aufhören kann, so unendlich traurig zu sein, wie ich es jetzt bin. Aber Du hast sicher gewußt, daß Deine Mami Dich niemals im Stich lassen wird, als Du Dich gegen das Leben entschieden hast. Du hast gespürt, all die Wochen, als Du in meinem Bauch warst, wie schwer es für mich war, Dich zu verteidigen, uns beiden auf Erden eine winzige Überlebenschance zu erkämpfen. Du hast es mir vielleicht leichter machen wollen, indem Du wieder von mir gegangen bist, ich weiß es nicht, ich werde es auch nie erfahren, solange ich lebe. Du hast so viel aushalten müssen, als Du in mir warst, so viele Menschen wollten uns auseinanderbringen, Dein Vater, Deine Oma, mein Chef. Wie solltest Du das alles ertragen können, meinen ständigen Kampf gegen die anderen, meine Unsicherheit, wie wir es alle Drei überhaupt schaffen sollen und auch meine Tränen, wenn ich mit den Aggressionen der anderen nicht mehr zurecht kam. Es ging mir sehr schlecht, das muß ich zugeben, ich habe mich sehr krank gefühlt, und ich habe mich so oft gefragt, ob ich Dir nicht zu viel zumute mit dem Leben, was ich Dir bieten kann. Ich war mir nicht sicher, ob ich es mein Leben lang schaffen werde, Dich vor all den Menschen zu beschützen, die Dich nicht haben wollen. Vielleicht hast Du mir meine Zweifel übel genommen und bist deshalb von mir gegangen? Eine Mutter muß immer wie ein Fels in der Brandung sein, solange die Kinder noch schutzbedürftig sind. Und eigentlich sind wir alle Kinder und irgendwann einmal schutzbedürftig. Auch ich fühle mich oft wie ein Kind, das beschützt werden möchte. Mütter sind eben auch nur Kinder. Sei mir nicht böse, wenn ich Dich nicht besser verteidigen konnte, wenn ich zu unsicher war, ob wir Drei das zusammen packen. Ich habe mein Bestes getan, und ich werde es weiterhin tun. Für Deinen Bruder auf Erden und für Dich, wo Du jetzt bist. Hörst Du mich, meine kleine Regine, ich bin hier, ich werde immer bei Dir sein, ich liebe Dich und denke an Dich. Obwohl wir weit voneinander entfernt sind, so bist Du doch immer in meinem Herzen, und daran kann kein Mensch, kein Gott, nichts und niemand etwas ändern. Vergiß das nie, wir sind Mutter und Tochter. Ich liebe Dich. 



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